Geschichte der Vielfalt: Was wir aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen können

Interview mit Morgane Llanque

Geschichte der Vielfalt: Was wir aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen können

Ein Interview mit Morgane Llanque, Buchautorin und Journalistin

Vielfalt wird heute oft als neues oder sogar bedrohliches Phänomen dargestellt. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt ein anderes Bild: Menschliche Gesellschaften waren schon immer vielfältig und geprägt von Austausch, Migration und Zusammenarbeit. Die Autorin und Journalistin Morgane Llanque hat sich in ihrem Buch „Vielfalt – Eine andere Geschichte der Menschheit“ genau mit dieser Perspektive beschäftigt. Im Interview spricht sie darüber, wie historische Narrative unser Verständnis von „Normalität“ geprägt haben und was wir aus der Geschichte über Vielfalt, Innovation und gesellschaftliche Entwicklung lernen können. Auf unserer Frühjahrstagung ist sie als Referentin dabei und widmet sich eben diesem Thema in ihrem Vortrag.

 

1. Sie haben das Buch „Vielfalt – Eine andere Geschichte der Menschheit“ geschrieben. Wie sind Sie auf das Thema gekommen, was hat Sie interessiert?

Ich habe Geschichte studiert und mich früh für Globalgeschichte interessiert – Die Betreibung von Geschichtswissenschaft aus einer gezielt nicht eurozentristischen Perspektive. Vielfalt ist eine Erweiterung dieser Perspektive: Ich blicke auf alle Gruppen von Menschen, die in der langen Zeit, nur von weißen Männern geschriebenen Geschichte des Westens, oft übersehen werden: Frauen, Menschen des globalen Südens, nichtbinäre Menschen, Menschen mit Behinderungen. In Zeiten, in denen oft behauptet wird, die Vielfalt der Geschlechter und der Multikulturalismus seien Erfindungen der zeitgenössischen Linken, möchte ich dagegenhalten und zeigen: Die menschliche Gesellschaft war zu allen Zeiten divers!

 

2. Sie zeigen auf, dass Diversität historisch eher Normalität als Ausnahme war. Was ist passiert, dass Vielfalt heute oft als neues oder gar bedrohliches Phänomen wahrgenommen wird?

Nichts ist so attraktiv und gleichzeitig so intellektuell faul, wie ein gemeinsames Feindbild, wenn man eine Gruppenidentität konstruieren möchte. Nehmen wir als Beispiel die xenophoben Proteste in England vergangenes Jahr: Überwiegend weiße Engländer*innen protestierten gegen Einwanderung und angeblich fremde Kulturen. Gleichzeitig gingen Videos viral, wie genau diese Demonstrierenden Streetfood aus Jamaika aßen und Songs von Freddie Mercury als dezidiert britisch abspielten: Dabei ist Freddie Mercury auf Sansibar geboren und Sohn von migrantischen Eltern. Hier projizieren Menschen also reale ökonomische Ängste auf Ausländer*innen, weil ihnen rechtsextreme Politiker*innen genau das sagen: Die gehören nicht hierher! Die nehmen dir die Jobs weg! Nicht unsere desaströse Politik. Es ist ein politisches Ablenkungsmanöver, das leider ebenso alt ist wie die menschliche Vielfalt selbst.

 

3. Sind es westlich und männlich geprägte Narrative, die unser Bild vom „Normalen“ heute prägen? Welche Mechanismen führen dazu, dass bestimmte Perspektiven dominieren?

Ja und Nein. Es ist wahr, dass Ethnonationalismus und sehr alte Männlichkeitsbilder wieder ein Comeback feiern. Gleichzeitig sind aber auch diverse Stimmen so sichtbar wie nie zuvor. Nehmen wir zum Beispiel New York City, eine Stadt, die nach dem Trauma von 9/11 tief von Misstrauen gegen alles Muslimische geprägt war. Heute wird die Stadt von einem muslimischen Bürgermeister regiert, der auch noch Sozialist ist: Zohran Mamdani. Menschen können aus Phasen des Hasses auch immer wieder in die Toleranz zurückkehren. Ein anderes Beispiel für diese Ambivalenz sind Queere und Transmenschen. Die Anzahl der Gewaltverbrechen gegen sie steigt global, gleichzeitig wird die Ehe für Alle in immer mehr Ländern weltweit legalisiert, jüngst zum Beispiel in Thailand, Chile und Griechenland.

 

4. Welche Rolle hat interkultureller Austausch historisch für Innovation und Fortschritt gespielt?

Einen gigantischen! Ein Lieblingsbeispiel aus meinem Buch ist die Schule der Übersetzer*innen vom kastilischen König Alfons X. im mittelalterlichen Spanien: Dort übersetzten jüdische, christliche und muslimische Gelehrte Texte der jeweils anderen Kulturen ins Hebräische, Arabische und Lateinische und verbreiteten so Wissen um die ganze Welt. Die moderne Arithmetik wäre nie ohne den Austausch von arabischen und griechischen Gelehrten entstanden – durch Migration und Zusammenarbeit ist immer mehr Wissen und Innovation entstanden statt weniger.

 

5. Was können wir aus dieser Geschichte lernen?

Dass es ein Märchen ist, dass Menschen sich in bestimmte Gruppen aufteilen lassen, beziehungsweise dass die Isolation einer Kultur jemals gut für diese ist: Isolation einzelner Gruppen führt zu Stagnation, nicht zur Entwicklung. Das beste Beispiel dafür ist die Seidenstraße, ein globales Handelsnetzwerk, das seit der Antike besteht. Handel und das dadurch entstandene Wachstum sind nur durch Kulturaustausch und Migration überhaupt möglich.

 

6. Welchen Blick haben Sie auf die Gegenwart in Bezug auf Diversität und Gendergerechtigkeit? Haben Sie eher Befürchtungen oder sehen Sie auch positive Entwicklungen?

Mir macht Angst, dass Diversität als Feindbild weltweit in immer mehr Wahlprogrammen auftaucht. Gleichzeitig sehe ich aber auch den massiven Widerstand: In Minneapolis haben zum Beispiel US-Amerikaner*innen tapfer Einwander*innen aus Lateinamerika vor den brutalen Übergriffen durch ICE verteidigt. Dafür wurde die gesamte Stadt nun für den Friedensnobelpreis nominiert. Solche Geschichten sind eine Inspiration für mich.

 

Vielen Dank für das Interview, wir freuen uns sehr Sie als Referentin auf unserer Tagung zu hören.

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