Interview zur Herbsttagung 2026 „Die politischen Dimensionen des Investierens“

Interview zur Herbsttagung

Interview zur Herbsttagung 2026 „Die politischen Dimensionen des Investierens“

Ein Interview mit Pia Sauerborn und Maximilian Runge-Segelhorst

Im Vorfeld unserer Herbsttagung „Die politischen Dimensionen des Investierens – Wofür sind wir verantwortlich?“ haben wir mit Pia Sauerborn und Maximilian Runge-Segelhorst aus unserem Organisationsteam darüber gesprochen, warum politische Neutralität beim Investieren eine Illusion ist, welche Macht mit Kapital verbunden ist und welche Verantwortung daraus für Anleger:innen und Beratende entsteht. Im Interview geht es unter anderem um Aktionärsaktivismus, demokratische Teilhabe, die politische Macht von Überreichen und die Frage, wie nachhaltiges Investieren zur Gestaltung unserer Gesellschaft beitragen kann.

 

Als unsere ökofinanz-21 Vorstände Marcus und Gorden mit dem Thema auf euch zukamen, was waren eure ersten Gedanken dazu?

Pia: Yes, genau mein Thema! Viele Unternehmer:innen stellen sich gerne so dar, als seien sie unpolitisch oder politisch „neutral“, und das fand ich schon immer ein wenig befremdlich bzw. schlicht unglaubwürdig.

Max: Da ich als studierter Philosoph sehr viel über die politischen Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft nachdenke, zu denen natürlich auch die politischen Aspekte von Geldanlagen gehören, war ich hoch erfreut, als mich die beiden mit an Bord haben wollten. Dass die Politik, beispielsweise durch die Regulierung der Finanzberatung, immer schon Einfluss auf den Geldanlagebereich genommen hat, ist schnell ersichtlich; dass Privatleute aber auch mit ihren Geldanlagen gestaltenden Einfluss auf die Gesellschaft nehmen können, ist ein Gedanke, der erst seit einigen Jahren im Zuge des ganzen Nachhaltigkeitsdiskurses relevant geworden ist.

 

Welche Entwicklungen beobachtet ihr derzeit, die diese Diskussion unausweichlich machen?

Pia: Die (nicht nur derzeit, sondern seit Jahrzehnten!) mangelnde Investition in demokratische Infrastruktur: Zugang zu guter Bildung für alle und Sicherstellung eines transparenten und faktenorientierten Diskurses in Gesellschaft und Politik – jenseits der Aufmerksamkeitsökonomie.

Max: Eigentlich hat ein demokratischer Rechtsstaat den Anspruch, dass Dinge von öffentlichem Belang auch öffentlich ausgehandelt und entschieden werden, nämlich auf dem Felde der Politik, wo jede Person grundsätzlich denselben Einfluss haben soll. Dieser gleichberechtigte Einfluss aller auf öffentliche Entscheidungen ist aber heute massiv gefährdet, da es z.B. im Bundestag mehr AkademikerInnen gibt als in der Bevölkerung, die Interessen der ärmeren Bevölkerungshälfte systematisch übergangen werden und Überreiche aufgrund ihrer Netzwerke und Lobbyismus viel mehr Möglichkeiten haben als andere, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Politischen Einfluss durch Investments auszuüben, scheint mir in dieser Hinsicht einer der letzten Stellhebel zu sein, den die Machtlosen noch benutzen können.

 

Der Begriff „politisches Investieren“ kann sehr unterschiedlich verstanden werden. Was meint ihr damit und was gerade nicht?

Pia: Wer bitte investiert denn nicht-politisch? Vermögensanlage spiegelt immer die eigene Werteorientierung.

Max: Ich denke dabei primär an die gesellschaftspolitische Macht, die Personen in ihrer Rolle als Investierende ausüben können. Diese Macht kann einerseits demokratisch reflektiert und genutzt werden – dann reden wir über Aktionärsaktivismus, der auf Ebene einzelner Aktien oder auch auf Fondsebene umgesetzt werden kann. Sie kann aber auch gegen die liberale Demokratie eingesetzt werden, nämlich dann, wenn Überreiche ihr Kapital nutzen, um weitgehend unbehelligt Vorhaben zu forcieren, die der freiheitlich demokratischen Grundordnung offenkundig widersprechen.

 

Gibt es ein Erlebnis, ein Buch oder eine Begegnung, die eure Sicht auf das Thema geprägt hat?

Pia: Ja, der Groschen fiel bei mir 2007/2008, als klar wurde, dass der sogenannte „freie (Finanz)Markt“ ohne staatliche/politische Unterstützung nicht hätte überleben können.

Max: Als ich 2018 zum ersten Mal vom Engagement der Kritischen Aktionär:innen und urgewald gehört habe, war ich sofort von der Idee des Aktionärsaktivismus begeistert. Seitdem erachte ich die Frage, wie und wofür unternehmenspolitische Macht genutzt wird, für sehr viel relevanter als die Frage, in welche Aktien man konkret investiert ist.

 

Welche Frage beschäftigt euch persönlich am meisten, wenn ihr an Investieren und Politik denkt?

Pia: Nachhaltiges und zukunftsfähiges Investieren lässt sich erlernen. Auch von deutschen Politikerinnen und Politikern. Stichwort „Generationenkapital“. Warum fangen wir erst jetzt mit einer (ernsthaften) Diskussion darüber an?

Max: Es wird häufig so getan, als müsse privates Vermögen notwendig in nachhaltige Branchen „umgelenkt“ werden, um die ökologische Transformation unserer Gesellschaft „finanzieren“ zu können, da der Staat allein das eben „nicht finanzieren“ könne. Diese Behauptung ist aus zwei Gründen hochproblematisch: Erstens ignoriert sie, dass die meisten Börsentransaktionen auf einem Sekundärmarkt stattfinden, wo unser Geld eben nicht realwirtschaftlich wirksam wird; und zweitens ist unser Staat ein Währungsmitherausgeber des Euro und funktioniert deshalb ganz anders als wir privaten Währungsnutzenden. Die Beschaffung von Geld für öffentliche Zwecke ist folglich kein relevantes Problem. Viel relevanter sind die Fragen: Welche Arbeitskräfte benötigen wir für die zukünftigen Klimainvestitionen und wie bilden wir sie aus? Welche Rohstoffe benötigen wir dafür und wie kommen wir daran? Wenn wir mit der ökologischen Transformation vorankommen wollen, müssen wir diese Fragen endlich auf die öffentliche Tagesordnung setzen.

 

Auf welchen Programmpunkt freut ihr euch selbst am meisten und warum?

Pia: Auf den Impuls von Mirko Lange mit seiner gemeinnützigen Unternehmung „Democracy Intelligence“ – diese entwickelt eine Art „Nutriscore“ für Aussagen im politischen Raum. Es geht um die Förderung einer demokratischen Debattenkultur auf Basis von Fakten, Fairness und Gemeinsinn statt von Verzerrung, Abwertung und Spaltung.

Max: Auf Andreas Kemper und seinen Vortrag über die Zusammenhänge zwischen Rechtsextremismus und dem sogenannten „Libertarismus“, den man eher als Privateigentumsfundamentalismus bezeichnen müsste. Ich befasse mich selbst sehr intensiv mit der Ideengeschichte des politischen Liberalismus und finde es wirklich erstaunlich, dass es einen Theoriezweig gibt, der sich selbst für liberal hält, aber die kollektiven und sozialen Voraussetzungen von menschlicher Freiheit vehement ignoriert. In meiner Wahrnehmung hat diese Leugnung der sozialen Vorbedingungen von „Liberalismus“ in den letzten Jahrzehnten zur Kultivierung einer gewissen Demokratieskepsis geführt, die heute immer öfter in offene Demokratiefeindlichkeit umschlägt. Ich bin gespannt, was Andreas Kemper dazu zu berichten hat.

 

Vielen Dank für das Interview und eure spannenden Einblicke!

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