Interview zur Frühjahrstagung 2026 „Zukunft braucht Vielfalt – von nachhaltiger Finanzberatung in einer diversen Gesellschaft“
Mit der Frühjahrstagung 2026 greift ökofinanz-21 ein Thema auf, das weit über die Finanzberatung hinausreicht und zugleich mitten in ihr liegt: Vielfalt. Unter dem Leitmotiv „Zukunft braucht Vielfalt – von nachhaltiger Finanzberatung in einer diversen Gesellschaft“ möchte das Organisationsteam Räume für neue Perspektiven, ehrliche Selbstreflexion und konkrete Impulse für die Praxis öffnen. Im Interview sprechen die Organisator:innen Marcus Brenken, Gorden Isler, Helene Bosmann und Georg Tillner darüber, warum Diversität kein Randthema ist, sondern eine zentrale Zukunftsfrage für Beratung, Gesellschaft und nachhaltiges Wirtschaften und natürlich darüber, was die Teilnehmenden in Essen erwarten dürfen.
Die kommende Frühjahrstagung von ökofinanz-21 steht unter dem Aspekt „Zukunft braucht Vielfalt – von nachhaltiger Finanzberatung in einer diversen Gesellschaft“
Das ist ein starkes Leitmotiv. Was hat euch im Organisationsteam dazu bewogen, Vielfalt ins Zentrum der Frühjahrstagung 2026 zu stellen – gerade aus der Perspektive nachhaltiger Finanzberatung?
Das Thema entstand aus den angeregten Gesprächen bei der Herbsttagung in Bonn, in denen sich mehrere Themen überschnitten: das Unbehagen damit, dass die Berater:innen-Szene eben vorwiegend eine Berater-Gemeinschaft ist: über 50 und männlich – auch wenn ökofinanz-21 bunter als alle anderen Finanz-Veranstaltungen ist. Das verknüpft sich mit der Nachfolge-Problematik, vor der viele Firmen stehen: Dass es wenig Junge in der Branche gibt, ist vielleicht auch der Art geschuldet, wie wir Etablierten kommunizieren. Und dann ist ja das ewige Staunen darüber, warum so wenige Frauen Finanzberatung als Beruf haben. Und darauf folgt dann die Frage, wie eingewanderte Communitys sicht- oder unsichtbar sind. Und warum es so wenig Austausch über die nationalen Grenzen gibt. Und all das, war unser Gefühl, hat auch mit den inneren Barrieren zu tun, also damit, wie wir unsere Arbeit von anderen Lebensbereichen trennen, die uns wichtig sind. Es geht also um viele Vielfältigkeiten.
Und dann müssen wir ja leider auch diagnostizieren, dass seit einiger Zeit nicht nur Nachhaltigkeit in allen Dimensionen, sondern gerade auch die Vielfalt und die Beschäftigung mit Diversität in der politischen Diskussion massiv unter Druck geraten. Damit werden nicht nur die Entwicklung der Gesellschaft und die Entfaltung der Menschen verhindert, wie es geboten wäre. Es werden auch Menschen, ihre Sichtweisen und ihre Teilhabe ausgeschlossen. Das ist menschenverachtend und nicht nachhaltig. Wir aber sind nachhaltig menschenberatend, also müssen wir uns natürlich damit befassen.
Der Begriff Diversität wird oft verwendet, bleibt aber im Alltag abstrakt. Welche Dimensionen von Vielfalt möchtet ihr auf der Tagung sichtbar machen und wo seht ihr die größten blinden Flecken in der Finanzberatung?
Diversität ist, wie jedes Schlagwort, vernebelnd. Wir sollten das aufdröseln: Einerseits geht es um Gerechtigkeit, also die schlichte Umsetzung der Menschenrechte: Niemand soll aufgrund irrelevanter Eigenschaften diskriminiert werden. Aber die andere Seite ist eine Haltung zu Vielfalt: Wie Morgane Llanque, Referentin unserer kommenden Tagung, argumentiert, ist Diversität nicht nur immer schon da, sondern für das Überleben von Gesellschaften auch unverzichtbar. Diverse Gemeinschaften sind resilienter! Und das ist doch für uns Investment-Berater:innen ein verinnerlichtes Mantra: “Diversification is the only free lunch in financial markets”. Gut und sinnvoll aufgeteilte Portfolios sind widerstandsfähiger. Ebenso ist es mit Teams: Je unterschiedlicher die Herangehensweisen, die Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten, desto besser kann ein Team, eine Firma und eine Gesellschaft mit sich verändernden Bedingungen umgehen.
Daraus folgen unterschiedliche Dimensionen des Begriffs. Für die Resilienz einer Gruppe nützt es nichts, wenn Menschen unterschiedlichen Geschlechts unterschiedlicher Herkunft im Raum sind, wenn dann alle genau den gleichen Regeln folgen sollen. Es braucht auch die demokratische, offene Kultur, dass unterschiedliche Haltungen gelebt und anerkannt werden können – egal von wem. Und für den Finanzmarkt und die Finanzberatung ist es nicht hilfreich, wenn bei aller Veränderung und Vielfalt der Gesellschaft und der Umwelt einmal geprägte und eingefahrene Sichtweisen auf das Kapital, den Geldkreislauf und auf Werte sich nicht den Menschen gemäß entwickeln und dementsprechend vielfältiger werden.
ökofinanz-21 ist bekannt für Austausch auf Augenhöhe und persönliche Perspektiven. Wie spiegelt sich dieser Anspruch konkret im Aufbau und Ablauf der Frühjahrstagung wider?
Wir wollen in dem Programm selbst vielfältige Sichtweisen präsentieren und einen Bogen spannen von allgemeinen Überlegungen zu Vielfalt als gesellschaftliches Faktum zu der kulturellen Definition von Werten in globalen Tauschbeziehungen (und damit z.B. auch zur Sicht auf Rendite) und schließlich zu der konkreten Veränderungsarbeit, die kulturelle Bedingungen ernst nehmen muss. Auf diese Reise möchten wir uns und die Teilnehmenden zusammen mit den Referentinnen und Referenten, mit den Vorträgen, den Diskussionsrunden und den Workshops mitnehmen.
Vielfalt ist sowohl eine Frage der Werte als auch des beruflichen Handelns. Welche Art von Impulsen wünscht ihr euch für die Teilnehmenden?
Wir wollen Sichtweisen erweitern und neue Handlungsräume aufzeigen. Das hat politische Bedeutung, aber ganz klar auch wirtschaftliche: Je vielfältiger Berater:innen agieren können, je bewusster und sensibler sie unterschiedliche Menschen in ihren jeweiligen Bedürfnissen abholen können, desto erfolgreicher können sie sein. Aber vor allem geht es auch um persönliches Glück: Wir sind überzeugt, dass es Zufriedenheit und Glück schafft, unterschiedliche Aspekte von sich selbst leben zu können. Also: Diversität außen ist auch Diversität innen: demokratisch, respektvoll, anerkennend.
Vielen Dank für das Interview, Marcus, Gorden, Helene und Georg.