Interview zur Herbsttagung 2025 „Dimensionen der KI – nachhaltig und intelligent?“

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Interview zur Herbsttagung 2025 „Dimensionen der KI – nachhaltig und intelligent?“

Warum ökofinanz-21 auf das Zukunftsthema Künstliche Intelligenz schaut

Künstliche Intelligenz (KI) verändert unsere Welt – nicht nur im Alltag, sondern auch im Finanzwesen. Ob bei der Datenanalyse im Asset Management, bei der Automatisierung im Maklerbüro oder bei der Frage, wie ressourcenintensiv KI-Modelle eigentlich sind: Die Technologie wirft viele Fragen auf – ethische, ökologische, rechtliche und gesellschaftliche.

ökofinanz-21 widmet sich auf der kommenden Herbsttagung dem Thema „Dimensionen der KI – nachhaltig und intelligent?“. Im Mittelpunkt stehen Chancen und Risiken, Herausforderungen und Gestaltungsräume, die sich im Zusammenspiel von KI und nachhaltigen Finanzen ergeben. In Vorträgen, Workshops und Podiumsdiskussionen sollen Denkanstöße gegeben und Wege in eine verantwortungsvolle Zukunft aufgezeigt werden.

Die Idee zu diesem Themenschwerpunkt kam von den ökofinanz-21 Mitgliedern Manfred Jörger und Dr. Marcel Malmendier, die sich intensiv mit den Auswirkungen und Potenzialen von KI beschäftigen – sowohl aus fachlicher als auch aus gesellschaftlicher Perspektive. Sie berichten, was sie an KI fasziniert, wo sie konkrete Gefahren sehen – und warum die Tagung dazu ermutigen soll, Lust und Neugier an der Technologie zu entwickeln, ohne dabei die kritischen Fragen aus den Augen zu verlieren.

 

ökofinanz-21: Was hat euch motiviert, das Thema Künstliche Intelligenz als Schwerpunkt der diesjährigen Herbsttagung von ökofinanz-21 vorzuschlagen?

Manfred Jörger: Es ist wichtig, die Entwicklungen in diesem Bereich zu verstehen, um verantwortungsvoll handeln zu können. Ich sehe KI als einen entscheidenden Faktor, der zukünftige Entscheidungsprozesse im Finanzwesen prägen wird. Deshalb ist es unerlässlich, dass wir als Branche proaktiv auf diese Veränderung reagieren, um die Chancen zu nutzen und Risiken zu minimieren.

Dr. Marcel Malmendier: Aus meiner Sicht brauchen wir beim Thema AI Offenheit, Engagement und Pragmatismus. Mit AI kommt ein Bündel an Change-Themen auf uns zu. Sehen wir die Dinge positiv, dann lassen wir uns gerne faszinieren, träumen von Zukünften und probieren einfach aus. Sehen wir die Dinge kritisch, dann geben wir uns mehr oder minder tiefen Zweifeln hin. Aus meiner Sicht sind alle diese Pole wichtig, solange wir diese nebeneinander zur Geltung bringen. Deswegen ist das Ziel unserer Tagung: Lust machen und klug machen. Zum Lust-Machen ist die Leitfrage: Was können wir mit AI tun, heute und möglicherweise morgen? Zum Klug-Machen ist die Leitfrage: Wo sehen wir reale Chancen in den vielen Möglichkeiten, wo die Risiken und wie gehen wir mit beidem klug um? Möglichkeiten und Chancen stehen auf der Tagung bewusst vor den Risiken, entgegen einer EU-Tendenz, die erst kleinschrittig regulieren will, um dann die weniger regulierten Entwicklungen von anderswo zu bestaunen und über das eigene Nachhinken zu lamentieren.

Manfreds Thema der Chancen und Risiken kann ich nur unterstreichen: Wie jede technische Neuerung, die tatsächlich auch in die Praxis gelangt, wird AI Gewinner und Verlierer produzieren. Vieles wird mit neuer Technik möglich, auch Dinge, die uns nicht passen. Summa summarum bin ich bei allen Befürchtungen jedoch dafür, immer auch optimistisch der Faszination zu folgen – allein schon, weil eine positive Haltung beim Lernen hilft.

 

ökofinanz-21: Nutzt ihr in eurer täglichen Arbeit bereits KI-gestützte Tools? Wenn ja, könnt ihr ein konkretes Beispiel geben, wie diese Tools eure Beratung nachhaltiger oder effizienter machen?

Manfred Jörger: Ja, ich setze gelegentlich KI-gestützte Tools ein, um eigene Texte inhaltlich zu verfeinern. Aktuell bereite ich die technische Umsetzung für einen umfassenderen Einsatz vor, indem ich meine Daten zusammen mit meiner Maklerservicegesellschaft abgleiche und aktualisiere. Mein Ziel ist es, Routineabläufe mithilfe von KI zu automatisieren, damit ich mehr Zeit für meine Mandant:innen habe.

Dr. Marcel Malmendier: Wir nutzen AI als Recherchetool und für erste kleinere Aufgaben, die AI einfach besser kann als wir Menschen. Welche Erfahrungen machen wir in der Recherche? Bei rechtlichen und bestimmten fachlichen Einschätzungen nutzen wir AI-Tools regelmäßig. In meinem zweiten Arbeitsgebiet (Organisation und Führung) nutze ich AI intensiv zum Dialog über soziologische, psychologische und philosophische Themen. Das ersetzt mir die alte Sekundärliteratur komplett und fügt Dialogfähigkeit hinzu. Im Versicherungs- und Investmentbereich sieht man hingegen die Grenzen: Im Netz wird viel Kruscht mit Marketingintention und wenig Know-How publiziert, sodass sich diese schlechte Qualität in den AI-Antworten fortsetzt. Nicht nur Menschen haben ihre Schwierigkeiten, anwendbares Wissen von übertriebenen Verkürzungen bis hin zu Unfug zu unterscheiden. Welche Aufgaben delegieren wir an AI-Tools heute schon? Das sind zum Beispiel präzise definierte Datenrecherchen und Datenaufbereitungen oder Vorschläge für Programmierungen. Was macht AI bei uns nicht? E-Mails und sonstige Korrespondenzen sollen ‚hand-made‘ bleiben: Wer als Mensch den Kontakt zu uns sucht, der erhält diesen auch von einem Menschen – eine Haltung, die für die Zukunft auch AI-Hilfen einschließt.

 

ökofinanz-21: KI kann Transparenz schaffen, aber auch intransparent sein: In welcher Rolle seht ihr KI bei der Bewertung von Nachhaltigkeitskriterien?

Manfred Jörger: Ich sehe die Rolle von KI in der Vorauswahl geeigneter Produktvorschläge, die den Nachhaltigkeitskriterien meiner Mandantschaft entsprechen. Wichtig ist, diese Vorschläge stets kritisch zu hinterfragen. Zudem kann KI helfen, große Datenmengen zu analysieren und Trends im Bereich nachhaltiger Investments zu erkennen, was uns wertvolle Einblicke bietet. Allerdings müssen wir darauf achten, dass die Entscheidungsgrundlagen transparent sind und wir nicht in eine „black box“-Situation geraten.

Dr. Marcel Malmendier: Die großen AI-Tools von Open AI, Google, Anthropic oder Perplexity sind heute Black Boxes. Aber das sind in anderer Form auch die großen Nachhaltigkeitsagenturen: Morningstar, ISS ESG und Co zeigen wenig Impulse, ihre Daten transparent zu machen. Ihre Daten sind die Grundlage ihres Geschäftsmodells. Bei den großen AI-Tools erhält der User kaum einmal Einblicke in die internen Prozesse, zum Beispiel durch Rückfragen. Auch die berüchtigten Halluzinationen werden hier selten transparent gemacht. Die Quellenauswahl und -nutzung ist sehr oft lausig. Da braucht es einen kompetenten User, der mitdenkt, rückfragt und checkt. Generell sehe ich es so: Wir brauchen immer den Menschen und unsere Diskurse für Transparenz, auch in der Nachhaltigkeit. Das an AI auslagern zu wollen, ist nicht nur faul, sondern naiv.

 

ökofinanz-21: Auch Finanzberater:innen sollten sich auf den verantwortungsvollen Umgang mit KI vorbereiten. Was dürfen die Teilnehmenden diesbezüglich von der Tagung erwarten, bei der dieses Thema ausführlich untersucht wird?

Manfred Jörger: Der Austausch mit anderen Fachleuten wird uns helfen, Best Practices herauszufinden und eine gemeinsame Haltung zum Thema Künstliche Intelligenz in der Finanzwelt zu entwickeln.  Außerdem hoffe ich, dass wir konkrete Lösungsvorschläge erarbeiten können, um die Integration von KI in unsere Arbeitsabläufe nicht nur effizient, sondern auch ethisch vertretbar zu gestalten. Diese Herbsttagung wird eine wertvolle Gelegenheit sein, um sowohl die Chancen als auch die Herausforderungen von KI im Finanzsektor zu diskutieren und ein gemeinsames Verständnis für diese wichtige Technologie zu entwickeln.

Dr. Marcel Malmendier: Anregungen und Use-Cases, neue Erfahrungen und Lust darauf, sich dem Thema spielerisch zu nähern.

 

ökofinanz-21: Der Titel der Tagung lautet „Dimensionen der KI – nachhaltig und intelligent?“. Was steckt hinter dieser Formulierung? Was soll damit bewusst in den Raum gestellt oder zur Diskussion gebracht werden?

Manfred Jörger: Diese Formulierung zielt darauf ab, die Vielschichtigkeit der KI-Technologien zu beleuchten – sowohl deren Potenziale zur Förderung nachhaltiger Lösungen als auch die ethischen Fragestellungen, die damit einhergehen. Die Tagung möchte ein Forum bieten, um darüber nachzudenken, ob und wie KI tatsächlich als Werkzeug zur Erreichung nachhaltiger Lösungen eingesetzt werden kann. Zudem soll im Raum stehen, ob KI die erforderlichen ethischen Standards einhält oder ob sie möglicherweise wichtige Aspekte übersehen könnte.

Dr. Marcel Malmendier: „Künstliche Intelligenz“ ist aus meiner Sicht ein historischer Bezeichnungs-Unfall. Deswegen das Fragezeichen. AI hat mit Intelligenz im klassischen Sinne nicht viel zu tun. AI-Maschinen sind eine neue Form von Data Giants. Intelligenz im Gegensatz ist etwas anderes als die Fähigkeit, große Datenmengen über Large Language Models und neuronale Netze in erstaunlicher Weise auszuwerten und daraus verwertbare Informationen oder neue Bilder zu produzieren. Was wir klassisch mit Intelligenz meinen, beinhaltet auch so etwas wie Ahnungen, Gefühle der Vergewisserung und Kompetenzen, zwischen Beweisen und Schein zu unterscheiden, gewusstes Nichtwissen, Kommunikationsimpulse zum Austausch etc. Und das machen wir mit einer sehr kleinen Festplatte namens Gehirn sowie mit einer fortlaufenden, fokussierten Kommunikation mit anderen Menschen, mit Maschinen und anderen Systemen. Wir sollten uns neben einer AI nicht unterschätzen. Wir als Menschen sind anders. Für Nachhaltigkeit ist AI eine Herausforderung: Sie kann helfen auf der Informations- und Planungsebene. Sie wird jedoch allein schon aufgrund des enormen Energiebedarfs neue Umweltbelastungen produzieren. Auch im Hinblick auf mögliche gesellschaftliche Veränderungen werden sich Fragen stellen, ob wir bestimmte traditionelle Institutionen (z.B. in der Bürokratie) so fortführen können und sollten. Deutschland ist ein hervorragendes Beispiel: Die aktuelle Staatsquote ist enorm und viele Menschen werden in Behörden eingesetzt, die mit AI eigentlich mit Qualitätsgewinn für den Bürger ersetzt werden könnten. Wie werden wir damit umgehen, gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Kostendrucks in vielen Bereichen auf öffentliche Systeme?

 

ökofinanz-21: Wie sieht eine enkeltaugliche Finanzwelt mit intelligenter, nachhaltiger KI in zehn Jahren aus?

Manfred Jörger: Angesichts der Vielzahl an KI-Anbietern erhoffe ich mir eine zunehmende Transparenz in Bezug auf deren Werte und Praktiken, insbesondere hinsichtlich Nachhaltigkeit, Ökologie und Ethik. KI kann nur so gut sein, wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird. Daher ist es entscheidend, dass diese Daten auch ethischen Überlegungen Rechnung tragen. Trotz des Potenzials der Künstlichen Intelligenz wird der persönliche Austausch mit den Klienten unverzichtbar bleiben, um deren individuelle Wünsche, Ziele und Perspektiven zu verstehen und maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln. Dieser menschliche Kontakt wird auch in einer zunehmend digitalisierten Zukunft die zentrale Rolle spielen.

Dr. Marcel Malmendier: Enkeltauglichkeit schaffen wir in Europa nur, wenn wir aufhören zu bewerten und etwas zu regulieren, bevor wir wirkliche Erfahrungen gemacht haben. Wir sollten wieder mehr probieren und experimentieren. Die kritische Reflexion wird uns nicht abhandenkommen. Beides zusammen, Lust auf Probieren und Lust auf Reflexion, dürfte uns helfen.

 

Danke für das spannende Interview!

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