Interview zur Herbsttagung 2026 mit dem Vorstandsteam von ökofinanz-21
Ein Interview mit Marcus Brenken und Gorden Isler
Warum beschäftigt sich ökofinanz-21 mit den politischen Dimensionen des Investierens? Im Interview sprechen unsere Vorstände Marcus Brenken und Gorden Isler darüber, welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen sie dazu bewogen haben, dieses Thema zum Schwerpunkt unserer Herbsttagung zu machen. Sie hinterfragen die verbreitete Vorstellung einer „politisch neutralen“ Geldanlage und sprechen über Macht, Verantwortung und die Frage, wer mit dem Geld unserer Kund:innen eigentlich Einfluss ausübt. Außerdem erzählen sie, was sie sich von der Tagung in Erfurt erhoffen und warum kontroverse Diskussionen und persönlicher Austausch für sie ganz wesentlich dazugehören.
Ihr hattet die Idee zum Tagungsthema. Wann hattet ihr das Gefühl: Das ist das Thema, über das wir jetzt sprechen müssen?
Gorden: Ganz eindeutig bei der US-Präsidentschaftswahl 2024. Dort sind politische Ausgaben eines einzelnen Unternehmers von über einer Viertelmilliarde Dollar dokumentiert, überwiegend über ein eigens dafür gegründetes Super-PAC. Meine Lesart davon ist, dass privates Vermögen eine politische Reichweite und Wirkung erreicht hat, mit der klassische, demokratische Beteiligungsformen nicht mithalten können. Wenn das stimmt, wird die Frage, wo Kund:innengelder liegen und wer damit Einfluss ausübt, zu einer Frage politischer Ordnung. Und dann müssen wir auch darüber sprechen.
Marcus: Hinzu kommt, dass wir weltweit eine verheerende Zunahme der Kapitalakkumulation in oligarchischen Strukturen sehen – auch befeuert durch massiven Zufluss von Kapital bei wenigen, z. B. Tech-Unternehmen in den USA, und auch durch massenhafte und von der Finanzindustrie gepuschte Investitionen in ETFs. Diese zunehmende und mittlerweile drastische Vermögensschere hat gesellschaftliche Folgen, die wir auch weltweit sehen. Und das hat politische Folgen. Auch diese können wir beobachten, indem Armut oder gefühlte Benachteiligung, mangelnde Bildung etc. populistische und meist antidemokratische politische Strömungen nähren. Der Rechtsruck und die Entwicklung des Kapitalmarktes hängen zusammen!
Welche Fragen werden in der Finanzbranche zu dem Thema aus eurer Sicht noch zu selten gestellt?
Gorden: Wer übt mit unserem Geld eigentlich Macht aus. Kund:innen legen an und verleihen, am Ende der Kette stimmt jemand auf einer Hauptversammlung ab oder finanziert eine Übernahme. Die großen Indexanbieter vereinen inzwischen rund ein Viertel der abgegebenen Stimmen bei den größten US-Konzernen auf sich. Welche Interessen verfolgen die? Decken sich diese mit denen unserer Kund:innen? Oder liegen sie im allgemeinen gesellschaftlichen Interesse? Solange wir das ungeprüft lassen, übertragen wir mit jeder Empfehlung Rechte, über die wir mit niemandem gesprochen haben.
Marcus: Grundsätzlich wird in der Finanzbranche die Frage nach der Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns immer noch viel zu wenig gestellt. Nach einer kurzen, vor allem marketingorientierten Phase, in der mit dem Begriff Nachhaltigkeit exzessiv um sich geworfen wurde und vermeintlich alle Anbieter grüne Pioniere waren, sind in den letzten 4 Jahren wieder fast alle runter von den Bäumen. Bis auf die wenigen überzeugten und überzeugenden Investmenthäuser und Banken graben wieder alle im ausgetrockneten Boden nach verantwortungsloser Rendite. Ich meine damit den Großteil aller Marktteilnehmenden, also auch auf Kund:innenseite. Die Renditejagd des Finanzmarktes ist die gleiche menschliche Gier, die schamlos zum eigenen Vorteil Umwelt und Gesellschaft zerstört.
Welche verbreiteten Annahmen oder Gewissheiten möchtet ihr mit der Tagung bewusst hinterfragen?
Gorden: Ich halte das Festhalten an politischer Neutralität für eine Schutzbehauptung. Eine unpolitische Position gibt es nicht. Sich nicht positionieren zu wollen, ist bereits eine Positionierung. Wer sagt, er beziehe keine Position, entzieht sich der Verantwortung dafür, was mit dem Geld geschieht, das Menschen ihm anvertrauen. Diese Verantwortung verschwindet dadurch nicht, sie überträgt sich aber auf genau die Akteure, die Kapital einsammeln und die damit verbundene Macht sehr bewusst ausüben.
Marcus: Und diese Schutzbehauptung politischer Neutralität lässt einen Raum frei, der dann von anderen gefüllt wird. Dies sind seit Jahren leider zunehmend populistische Kräfte. In Bezug auf den Finanzmarkt ist interessant, dass es sehr oft rechte Influencer:innen sind, die unter der immerwährenden Heraufbeschwörung von Finanz-Katastrophen wiederum Finanzanlagen bewerben, die einerseits natürlich schnellen Reichtum und/oder Sicherheit versprechen und andererseits die realen (Klima, Biodiversität) und gesellschaftlichen Katastrophen befeuern oder zumindest keinerlei positiven Beitrag leisten.
Welche Verantwortung hat unser Netzwerk, wenn es um gesellschaftliche Debatten rund um Geldanlage geht?
Gorden: Unsere Verantwortung liegt darin, dieser Debatte Raum zu geben. Die Frage ist nicht, wie politisch wir sein wollen, sondern wie politisch wir in dieser Zeit sein müssen. Antidemokratische Kräfte gewinnen an Gewicht, und damit steht das auf dem Spiel, was unser Geschäft trägt. Kapitalanlage braucht handlungsfähige Institutionen und verlässliche Entscheidungen. Wenn Bundestag, Bundesrat und Länder sich auf Jahre blockieren und Reformen ausbleiben, verändert das auch die Grundlage, auf der wir heute langfristige Empfehlungen aussprechen. Diese politische Voraussetzung sollten wir klar benennen. ökofinanz-21 kann der Raum sein, in dem wir das tun.
Marcus: Dem kann ich nur beipflichten.
Was wäre für euch ein Zeichen dafür, dass die Tagung ein Erfolg war?
Gorden: Wenn Kolleg:innen danach im Beratungsgespräch von sich aus ansprechen, wer im empfohlenen Fonds die Stimmrechte ausübt und in wessen Interesse. Wenn wir drei oder vier Sätze formulieren, die das Netzwerk öffentlich vertreten kann. Und wenn in Erfurt gestritten wird. Streit ist für mich nichts Negatives, er ist die Voraussetzung dafür, sich danach zu einigen. Aus Höflichkeit auf ihn zu verzichten, bringt uns keinen Schritt weiter.
Marcus: Und ein Erfolg wäre, wenn die Diskussion, die wir führen werden, und die Erkenntnisse, die wir gewinnen, auch über unser Netzwerk hinausreichen und andere Akteure im Finanzmarkt befähigen und ermutigen, ihre politische Verantwortung zu erkennen und wahrzunehmen.
Auf welchen Programmpunkt freut ihr euch selbst am meisten und warum?
Gorden: Auf die Momente, in denen wir vom Vortrag in die Diskussion kommen. Das Ringen um Gemeinsamkeiten ist der demokratische Kernprozess,
und ich schätze ihn sehr. Der Ort passt dazu. Das Augustinerkloster in Erfurt ist der Ort, an dem Martin Luther als Mönch gelebt hat, und für eine Tagung über das Verhältnis von Überzeugung und Macht ist das ein guter Rahmen. Am meisten freue ich mich aber auf die Zwischentöne und den persönlichen Austausch.
Marcus: Der fachliche und persönliche Austausch ist etwas, was für alle auf den Tagungen immer ein großer Gewinn ist und was immer wunderbar funktioniert. Und ich freue mich auch sehr auf die Beiträge und Erkenntnisse unserer Referentinnen und Referenten, die sehr spannende Vorträge halten werden und den Blick auf unsere Themen sicherlich gut weiten sowie ordnen werden.
Vielen Dank euch für das Interview!