Mehr als eine Weiterbildung: Was das ökofinanz-21 Stipendium bewegt
Ein Interview mit den Stipendiatinnen Helene Bosmann und Elena Ball
Helene und Elena haben als Stipendiatinnen des ökofinanz-21 Stipendiums die Weiterbildung zur ECOanlageberaterin absolviert, sich in ihren Abschlussarbeiten mit ganz unterschiedlichen Fragestellungen nachhaltiger Geldanlage beschäftigt und an den Tagungen von ökofinanz-21 teilgenommen.
Im Interview blicken die beiden auf ihre bisherige Zeit im Stipendium und erzählen, was sie fachlich und persönlich mitgenommen haben.
ökofinanz-21: Mit etwas Abstand: Wie würdet ihr die Weiterbildung zur ECOanlageberater:in insgesamt beschreiben und was nehmt ihr fachlich wie persönlich daraus mit?
Helene: Die Weiterbildung hat eine sehr gute fachliche Tiefe in das Thema nachhaltige Anlagen gegeben, die ich bisher bei keiner anderen Weiterbildung in dem Bereich erlebt habe. Dabei wird darauf geachtet, keine Ideologien zu reproduzieren, sondern alles wird fachlich und theoretisch valide und nachvollziehbar erläutert. Es gibt ausreichend Raum für kritisches Nachfragen und Diskutieren.
Elena: Obwohl ich nicht als Anlage- oder Versicherungsberaterin tätig bin, profitiere ich in meiner täglichen Arbeit immer wieder sehr von den Inhalten der Weiterbildung. Bei Nachhaltigkeitsratings von Versicherungen spielt die Musik vor allem in Kapitalanlage, da hier im Schnitt 99 % der CO₂-Emissionen zu verorten sind. Die unterschiedlichen Anlagestrategien wie beispielsweise die Festlegung von Positiv- und Negativkriterien oder Best-in-class-Ansätze im Detail kennenzulernen, hilft mir sehr bei der Bewertung der Kapitalanlagestrategien und -bestände.
Auf einer übergeordneten Ebene habe ich aus der Weiterbildung mitgenommen, dass auch hier, auch im Bereich der nachhaltigen Geldanlage, differenzierte Betrachtungen nötig sind, um beispielsweise eine Haltung zu Zielkonflikten zwischen ökologischen und sozialen Aspekten zu entwickeln.
ökofinanz-21: Ein zentraler Bestandteil der Ausbildung war eure Abschlussarbeit. Welches Thema habt ihr gewählt und zu welchem Fazit seid ihr dabei gekommen?
Helene: Ich habe mich mit der finanziellen Selbstständigkeit von Frauen und dem Wunsch nach einer feministischen Geldanlage beschäftigt. In der Beratungssituation ging es darum, dass die Frau nicht in ein kapitalistisches System investieren möchte, das Frauen weiterhin diskriminiert. Mein Fazit war eine Lösung für ihr Problem, das aus Gender Lens Investing-Fonds, nachhaltigen Aktienfonds und Mikrofinanz besteht.
Elena: Wie schon gesagt, arbeite ich nicht direkt als Anlageberaterin. Deswegen hatte ich im Vorfeld etwas Sorge, dass es für mich schwierig werden würde, ein passendes Thema für die Abschlussarbeit zu finden. Das war aber letztlich gar kein Problem, denn ich konnte ein Beispiel wählen, das näher dran war an meinem Arbeitskontext als die Simulation einer individuellen Beratung: Und zwar, dass eine Stiftung das Stiftungsvermögen unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten anlegen möchte. Dabei konnte ich dann alles neu Gelernte aus der Weiterbildung und die Erfahrungen aus den Ratings zusammenbringen und mir eine ideale Anlagestrategie mit Produktempfehlungen ausdenken.
ökofinanz-21: Welches Fazit zieht ihr insgesamt aus eurer Zeit im Stipendium?
Helene: Das Stipendium ist natürlich eine tolle Gelegenheit, die Weiterbildung zur EcoAnlageberaterin zu machen. Das war auch mein Grund, mich für das Stipendium zu bewerben. Aber im Nachgang muss ich sagen, dass mir das Stipendium so viel mehr gegeben hat. Ich hatte die Möglichkeit, die Mitglieder und Fördermitglieder von ökofinanz-21 kennenzulernen.
Als Frau in der Finanzbranche bergen Tagungen immer das Risiko des übermäßigen Mansplaining, der Behandlung von oben herab, misogynen Aussagen und Verhaltens etc. Jede Frau in der Branche wird wissen, was ich meine. Zu meiner ersten Tagung bin ich also mit Erwartungen gefahren, die sich in keiner Weise bestätigt haben.
Das ist ein Ort des ehrlichen Austauschs, der Begegnung auf Augenhöhe und wirklicher Diskurse. Ein Safe Space für die Menschen, die sich in Zeiten des Backlashs im Thema Nachhaltigkeit nicht unterkriegen lassen und aus Überzeugung weiterhin für ihre Klient:innen und Themen einstehen.
Ich erlebe die Tagungen als inspirierend, herausfordernd und fahre jedes Mal mit ganz viel Stoff zum Nachdenken nach Hause. Das sind Tage, die mich in meiner Arbeit, aber auch persönlich bereichern.
Wie zu erwarten habe ich mich also entschieden, auch nach dem Auslaufen meines Stipendiums im Verein zu bleiben und reguläres Mitglied zu werden. Ich möchte den Verein, das Zusammenarbeiten, das Zusammenlachen und das Zusammenlernen nicht mehr missen.
Elena: Mir hat das Stipendium vor allem inhaltlich viel mitgegeben. Neben der Weiterbildung an sich, durfte ich ja auch an zwei Tagungen von ökofinanz-21 teilnehmen. Beide fand ich richtig spannend und tolle Gelegenheiten, um mein Netzwerk im Bereich der nachhaltigen Geldanlage zu erweitern und auch meinen Horizont. Denn die detailtiefen Informationen aus der Weiterbildung wurden hier jeweils in einen größeren Kontext gestellt durch den Blick auf gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen rund um nachhaltige Geldanlage.
Vielen Dank für das Interview!