Neu im Netzwerk: Georg Tillner über Vielfalt in der Finanzberatung
Ein Interview mit Georg Tillner, neues Mitglied bei ökofinanz-21
Georg Tillner kennt die Finanzwelt mit ihren Höhen und Tiefen: Sein persönliches Interesse führte ihn 1998 zunächst in Teilzeit in die Branche, bis er 2006 full-time während der Finanzkrise eingestiegen ist. Mit der Gründung seiner eigenen Wertpapierfirma, der investbar Portfolio-Beratung GmbH, die seit August 2025 als österreichisches Wertpapierdienstleistungsunternehmen konzessioniert ist, hat er einen neuen beruflichen Meilenstein gesetzt. Auf unserer Herbsttagung war Georg erstmals als Gast dabei – und fühlte sich so schnell mit den Menschen, Themen und Werten von ökofinanz-21 verbunden, dass er kurz darauf Mitglied wurde. Im Interview spricht er darüber, was ihn überzeugt hat, warum Vielfalt für ihn ein Zukunftsthema der Finanzberatung ist und welche Impulse er für unsere Frühjahrstagung 2026 mitbringt.
1. Du hast die Herbsttagung als Gast miterlebt und bist kurz darauf Mitglied bei ökofinanz-21 geworden. Was war dein allgemeiner Eindruck von der Tagung?
Am beeindruckendsten für mich war die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen von ökofinanz-21. Es fühlte sich nach echtem Interesse an; ich kenne sonst von Veranstaltungen der Finanzbranche eher eine Gockelei, bei der jeder so sehr damit beschäftigt ist, sich selbst als großartig darzustellen, dass es gar keine Wahrnehmung der anderen gibt. Und natürlich ist es schon sehr angenehm, unter Menschen zu sein, denen Ökologie und Ethik grundsätzlich ein Anliegen ist. Das nicht jedesmal wieder argumentieren und verteidigen zu müssen, ist einfach emotional entspannend.
2. Was war dann der ausschlaggebende Punkt, wieso du schließlich Mitglied geworden bist?
Naja, die Entscheidung war nicht schwer, immerhin ist ökofinanz-21 schon einzigartig im deutschen Sprachraum – es ist die einzige von Berater:innen getragene Vereinigung. Und das bestimmt natürlich alles. Das heißt, ich fühle mich hier mehr daheim, als in Netzwerken, die von Institutionen getragen werden – also Ministerien, Großbanken, Fondsgesellschaften. Sind eh kluge, engagierte Menschen, aber sie ticken einfach anders als selbständige Berater:innen. Und davon, wie Endinvestor:innen denken, haben die erwähnten Institutionen erstaunlich wenig Ahnung.
3. Welche Aspekte des Tagungsformats, fachlich wie persönlich, haben für dich den größten Mehrwert geboten?
Die Pausengespräche, eindeutig. Ach, und auch, wenn Berater:innen selbst etwas aus ihrem Arbeitsalltag vorstellen. Es entsteht einfach eine andere Unmittelbarkeit als bei Vorträgen von Fondsgesellschaften. Und eine größere Vielfalt an Formaten. Tatsächlich praktischen Nutzen hatte das Werkstattgespräch am letzten Tag, weil da hab ich das erste Mal von einer Software namens n8n gehört – und mit der automatisiere ich jetzt meine Portfolio-Analysen.
4. Du hast bereits bei der Herbsttagung in Gesprächen mit unserem Vorstand den Impuls für das nächste Schwerpunktthema gegeben. Was hat dich dazu bewegt, das Thema Vielfalt als Zukunftsthema für die Finanzberatung vorzuschlagen?
Das hört sich schmeichelhaft geradlinig an, aber es war eher eine Vielstimmigkeit, die etwas zum Schwingen gebracht hat. Also zuerst hab ich festgestellt, dass – bei aller Sympathie – wir halt schon wieder eine ziemlich homogene Gruppe von Menschen sind, und dass es doch erstaunlich ist, wie wenig wir darüber wissen, wie andere über das Thema nachhaltiges Investieren denken. Also nicht nur Jüngere, sondern z. B. die Menschen in Belgien, nur ein paar Kilometer entfernt.
Und dann hat unser Vorstand Marcus gesagt, ihn wundere es, dass die unterschiedlichen Arbeitsbereiche seines Engagements so gar nicht miteinander vermittelbar sind. Das hab ich erst nicht verstanden, aber beim Abendessen haben dann zwei von ihren Wanderungen erzählt. Es war so spürbar, wie sie dabei aufgeblüht sind, und ich konnte ihre Freude gut nachfühlen. Aber die einzige Conclusio dazu war dann: „Da lade ich meine Batterien auf“. Also die intensivste und seelenvollste Erfahrung des letzten Jahres können wir nur als „Wiederfitmachen“ für den Arbeitsalltag interpretieren? Ich hab gegrübelt, welche Bedeutung die wöchentlichen Fahrradtouren für mein Leben haben und bin mir sicher, dass es mehr als bloße Erholung ist, nur fehlen mir die Begriffe dafür. Da hab ich gedacht: wenn wir es schaffen, anderen Kulturen zuzuhören, wie sie mit den Dingen umgehen, hilft uns das vielleicht auch, die inneren Firewalls zu überwinden und besser mit uns selbst zu kommunizieren.
Also diese drei Quellen gab es: Wie denken Jüngere, wie denken andere Kulturen – egal ob im benachbarten oder im eigenen Land – und wie kommunizieren wir unsere eigenen unterschiedlichen Lebensbereiche. Der Gedanke ist, diesen anderen, abgetrennten Bereichen Aufmerksamkeit zu widmen, um sie dann vielleicht übersetzen zu können und dann daraus vielleicht ein neues Verständnis, eine neue Art des Tuns zu verhandeln. Also Zuhören, Übersetzen, Verhandeln.
5. Warum ist aus deiner Sicht die Vielfalt in Gesellschaft, Finanzwelt und Beratung jetzt so bedeutend? Welche Entwicklungen oder Herausforderungen sollten wir in der Finanz- Branche besonders im Blick behalten?
Als gelernter Historiker nehme ich wahr, dass gerade eine Epoche zu Ende geht, also hier in Mittel- und Westeuropa, und wir alle lernen müssen, mit neuen Gegebenheiten umzugehen. Und da finde ich es effizienter, das mit Offenheit anzugehen, anstatt dem entfliehenden Alten nachzutrauern.
Dabei geht es eben auch um die Nachfolge für all jene Menschen, die in den letzten 30 Jahren ökologische Investment-Beratung aufgebaut haben, damit diese Firmen und Ansätze nicht mit der Pensionierung der jetzigen Generation verschwinden. Also in Bewegung kommen, um Kontinuität zu sichern. (Ah, siehst du, das hat was mit Wandern zu tun!)
6. Worauf freust du dich persönlich am meisten bei der Frühjahrstagung 2026 im März?
Ich war noch nie in Essen und hab gelesen, dass der Viehhoferplatz das traditionsreiche Ausgehzentrum ist. Also freu ich mich auf ein Feierabendbier im „Nord“.
Wir freuen uns, dass du nun Mitglied unseres Netzwerks bist und bedanken uns für das Interview und die Zusammenarbeit.