Tagungsrückblick: Zukunft braucht Vielfalt

Frühjahrstagung 2026: Zukunft braucht Vielfalt

Tagungsrückblick: Zukunft braucht Vielfalt

Ein Text von Georg Tillner

Wie lässt sich Vielfalt in der Finanzwelt nicht nur denken, sondern konkret leben?

Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch unsere Frühjahrstagung im März. Was schnell klar wurde: Es geht um weit mehr als einzelne ESG-Kriterien oder Quoten. Es geht um Perspektiven, Machtstrukturen und um Geschichten, die wir erzählen.

Die Beiträge und Diskussionen haben deutlich gemacht, dass weder Märkte noch Geschlechterrollen „natürlich“ sind, sondern gesellschaftlich produziert und damit auch veränderbar. Genau darin liegt unsere Chance: Wenn wir beginnen, bestehende Narrative zu hinterfragen und neue zu entwickeln, eröffnen sich andere Möglichkeiten des Wirtschaftens, Investierens und Beratens.

Die folgenden Impulse geben Einblicke in zentrale Gedanken, kritische Fragen und praktische Ansätze aus der Tagung. Sie sollen dazu einladen, die eigene Perspektive auf Vielfalt und Finanzpraxis weiterzudenken.

 

Vielfalt sichtbar machen: Die Kraft der Geschichten

Zur Einstimmung auf das Thema der Tagung durften wir Morgane Llanques Vortrag hören. Sie hat ein schönes Bild von der Vielfalt in der Gesellschaft gezeichnet: Vielfalt sei wie ein Fächer, jede Falte des Fächers hat ihren Wert und keine ist die einzige Wahrheit. Sie argumentierte, dass es unseren Blick auf das scheinbar Natürliche und Normale verändert, wenn wir das Unsichtbare sichtbar machen. Dies gelingt am besten mit Geschichten. Diese zu finden und zu erzählen ist nicht nur Haltung, sondern auch Handlung.

In der Diskussion nach ihrem Vortrag hat Morgane mehrfach betont, dass die Motivation für ihr Buch in aktuellen politischen Auseinandersetzungen liegt: Wir müssen andere Geschichten unserer Vergangenheit erzählen, um jetzt eine tolerantere Zukunft zu gestalten. Bei einem Gespräch wird ein einfacher Slogan von Gleichberechtigung wenig nutzen – aber eine gute Geschichte über die mächtigen Jägerinnen der Urzeit wird vielleicht in Erinnerung bleiben: Wenn eine andere Vergangenheit erzählbar ist, wird eine andere Zukunft vorstellbar.

Gerade in einer Zeit, in der über allem Nachhaltigen ein pessimistischer Vergeblichkeitshauch hängt – auch bei dieser Tagung wurde mehrfach ein aktueller „Backlash“ beklagt – wäre das eine gute Aufforderung, eine andere Geschichte zu erzählen: ein munteres Arbeiten für eine nicht-fossile Zukunft: Städte, die von Menschen bestimmt sind, nicht von Autos; Energie, die von den eigenen Dächern kommt und nicht von Diktaturen am anderen Ende der Welt. Statt über andere (die Regulatorik, die Lobbys, die AfD) zu jammern, sollten wir handeln und andere herzlich einladen, mitzumachen.

 

Die Konstruktion der globalen Wertschöpfung: Wie sähe ein gerechter Welt-Aktien-Index aus?

Sozialanthropologin Johanna Mugler hat in ihrem Vortrag aufgezeigt, dass auch die Organisation der Globalisierung nicht natürlich ist, sondern Ergebnis einer machtvollen Konstruktion: Innovation wird hoch bewertet, Produktion gering. Das ist nicht selbstverständlich, sondern Ergebnis von Verhandlungen, und es wirkt nicht das bessere Argument, sondern die Macht dessen, der spricht.
Eine relevante Anwendung ihrer Einsichten: Wenn die Werte und Profite entlang der globalen Wertschöpfungsketten politische Produkte sind, dann sind es auch die Investment-Vehikel, die auf diesen aufsetzen: Der MSCI World als globaler Leitindex ist dann keine neutrale Abbildung einer wirtschaftlichen Realität, sondern selbst ein Faktor in der Produktion dieser Welt. Wenn „Marktkapitalisierung“ der entscheidende Faktor für Gewichtung im Index ist, heißt das nichts anderes, als dass Geld dorthin geschaufelt wird, wo schon viel Geld ist, und damit genau diese Spirale aufrechterhalten wird.

Was wir besonders aus dem Vortrag mitnehmen: Wenn die Wertschöpfungsketten politisch konstruiert sind, sind es auch globale Marktindizes und damit alle Portfolios, die sich an diesen orientieren. Somit ist die Außerachtlassung politischer Faktoren in der Asset-Allocation ein blinder Fleck.

„Nachhaltigkeit“ kann auch so verstanden werden, dass der bestehenden Wert-Zuweisung eine Alternative entgegengesetzt wird – indem unterschiedliche Formen von Arbeit gerechter bewertet werden und somit die Asset-Allocation nicht dem dominanten Index folgt, sondern einem Gerechtigkeitsindex.

 

Gender Lens Investing: Wie passiert es, dass mit „Gender“ das biologische Geschlecht gemessen wird?

In der Diskussion zu dem beeindruckenden Transformationsprozess der GLS Bank durch eine Erhöhung des Frauenanteils in der Führung von 30 auf über 50 % in nur 2 Jahren, wurde die Frage gestellt, ob das denn nicht auch ein Vorteil für „Nicht-Alpha-Männer“ sei. Die Erhöhung der Frauenquote in Führungspositionen ist ein wichtiges Ziel, um die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung herzustellen. Aber „Gender“ meint etwas ganz anderes, nämlich die soziale Konstruktion von Geschlecht, nicht die biologische. Einer der vielen Instrumente davon ist, dass im Patriarchat die angeblich benötigten und wünschenswerten Eigenschaften von Führung mit jenen von Männlichkeit einhergehen: beschließen, befehlen, delegieren, entscheiden, reden statt zuhören.
Eine Gender-Perspektive auf Führung könnte heißen, auch jene Eigenschaften, die traditionell als weiblich definiert wurden, als Führungsqualitäten zu setzen: Empathie, Zuhören, Fürsorge. Somit ginge es nicht darum, mehr biologische Frauen in Führungspositionen zu bringen, sondern die Definition von „Führungsqualitäten“ aufzuweichen und damit vielfältiger werden zu lassen. Ein Gradmesser für den Erfolg einer solchen Politik wäre dann nicht ein Zählen von Körpern, sondern von Eigenschaften und Verhaltensweisen oder ein Messen des Grades an Freiheit. Gender-Investing können wir somit als Erhöhung der Vielfalt und Freiheit bezeichnen – für alle Menschen.

 

Vielfalt im Tunnelblick der Finanzinstitutionen

Akteur:innen aus Ratingagenturen, Nachhaltigkeits-Siegeln und Fondsgesellschaften reden oft über DIE (Diversity, Equity und Inclusion). Dabei wird im Prozess allein „Diversity“ anhand des Frauenanteils in den Zielunternehmen gemessen und bewertet.

Was jedoch dabei auffällt: In den Berichten von Ratingagenturen, Forschungsgruppen und Fondsgesellschaften fehlen verblüffenderweise die wichtigsten Stakeholder völlig: Wer sind die letztendlichen Investor:innen? Wie sieht die Diversität bei diesen aus? Und vor allem: Wie steht es hier um Inklusion? Werden manche Bevölkerungsgruppen systematisch nicht angesprochen und somit ausgeschlossen? Die Fondshäuser wissen oft nicht, wer ihre Investor:innen sind, weil der Vertrieb über Partner geht, die Banken wissen nichts über ihre Kund:innen, weil dies nicht erhoben wird, und die Berater:innen fragt niemand.

Es entsteht der Eindruck eines hermetischen Diskurses: all diese Institutionen – Ratingagenturen, Fondsgesellschaften, Verbraucher:innen-Verbände, Gesetzgeber, Aufsichtsbehörden reden miteinander darüber, was das Beste für die Investor:innen sei – aber nie mit diesen. Der Diskurs ist also selbstreferenziell und paternalistisch – im Sinne von bevormundend. Die einen sagen den anderen, was die „Privatkund:innen“ angeblich brauchen – dieses Brauchen ist jedoch eine empiriefreie Konstruktion.

Das Überraschende daran ist, dass die Kund:innen tatsächlich eigene Gedanken und Meinungen dazu haben. Wenn wir Berater:innen sie fragen und sie unterstützen, ihre Wünsche zu artikulieren, erscheinen diese mündig, vielfältig und weise. Und sind völlig anders als das, was all die Institutionen in ihrem Namen behaupten.

Im Gegensatz zu der Tristesse im Hinblick auf Nachhaltigkeit, die im Moment überall vorherrscht und die auch auf der Tagung thematisiert wurde, hat sich in der Stimmung vieler Kund:innen nichts geändert. Niemand von ihnen hat die letzten Monate kundgetan, nicht mehr nachhaltig investieren zu wollen, und jede:r der neuen Kund:innen hat explizit ein ethisches Anliegen genannt. Der Blick der Institutionen sagt wohl eher etwas über die Konjunkturzyklen ihrer eigenen Bubble aus, als über die ethischen Stimmungen der Bevölkerung.

Ein Impuls: Wie wäre es, immer wieder die Institutionen zu fragen, was sie über ihre Kund:innen wissen, wie sie deren Ansichten einbeziehen und was sie tun, um mit ihnen zu interagieren?

 

Veränderungspraxis und die Mütter der Vielfalt

Am zweiten Tag ging es in die praktische Umsetzung. Der Workshop World Cafe, moderiert von Deniz Seebacher – an dem abwechselnd alle Teilnehmenden der Tagung mitgewirkt haben – erwies sich als sehr nützliche Grundlage, das Erlernte in den Arbeitsalltag zu integrieren. Die Ergebnisse zusammengefasst:

Zuerst steht eine grundsätzliche und programmatische Feststellung. Als Biodiversität ist Vielfalt das Entstehungs- und Überlebensprinzip von Leben auf diesem Planeten. Es sichert das Fortbestehen von Leben. Aus dieser planetaren Perspektive leitet sich die Demut ab. Demut entsteht aus der Einsicht, dass das Eigene eben nur eine von unzähligen „Falten im Fächer“ ist. Und mit der Demut geht die Offenheit gegenüber allen anderen Vielfalten einher. Weiterhin stehen der Respekt (für andere) und die (eigene) Sicherheit in Zusammenhang. Das heißt, dass meine eigene Sicherheit die Bedingung dafür ist, dass ich anderen mit Respekt begegnen kann. Zentral ist die Verknüpfung unterschiedlicher Vielfalten, die alle miteinander verbunden sind: im Team, in den Mentalitäten, in den Themen und in den Produkten.

Basierend darauf waren den Teilnehmenden des Workshops die „Empathie für Kunden“ und „ganz konkrete Wertschätzung für Ziele, Wünsche und Bedürfnisse von Kundinnen und Kunden“ wichtig. Dies bestätigt, welche Aufgabe die Berater:innen haben: Sie sind deren Botschafter:innen. Zusammengefasst wurden die Ergebnisse mit dem Satz: Gemeinsame Mission hilft! Vielfalt und gemeinsame Mission sind also zusammenzudenken. Ohne Mission ist die Gefahr hoch, dass Partikularidentitäten bestimmend werden.

 

Postpatriarchale Investmentberatung 2.0
Besonders spannend war der Austausch im Workshop von Jennifer Brockerhoff, in dem die Teilnehmenden ein Rollenspiel durchführten: Ein patriarchaler Berater (nimmt nur den Mann ernst, wertet die Frau ab) spricht mit einem patriarchalen Paar (Mann bestimmt, Frau äußert nur zaghaft eigene Ansichten). Danach wurde diskutiert und Erkenntnisse aus dem Berater:innenalltag der Teilnehmenden wurden gesammelt und als Handlungsempfehlungen formuliert:

  • Keine Vorannahmen treffen: Ohne Erwartungen in Kund:innengespräche gehen und Geschlechterrollen nicht vorab unterstellen.
  • Intersektionalität berücksichtigen: Unterschiede entstehen nicht nur durch Gender, sondern auch durch Faktoren wie Alter und berufliche Erfahrung.
  • Individuen statt Stereotype sehen: Geschlecht ist nicht der einzige Indikator für Anlageverhalten, individuelle Lebens- und Berufserfahrungen wirken ebenso.
  • Risikoneigung ist erfahrungsgetrieben: Unternehmer:innen und Führungskräfte sind oft risikofreudiger als Personen mit stabilen, schwankungsarmen Erwerbsbiografien.
  • Paardynamiken verstehen statt vereinfachen: Ein Paar ist mehr als die Summe zweier Individuen. Rollen werden oft bewusst oder unbewusst „gespielt“.
  • Rollenverteilungen nicht bewerten, sondern verstehen: Auch nicht-traditionelle oder „umgekehrte“ Rollen können bewusst gewählt sein und sollten respektiert werden.
  • Beratung muss beide Perspektiven sichtbar machen: Ziel ist ein Ergebnis, in dem sich beide Partner:innen wiederfinden und gehört fühlen.
  • Praktischer Ansatz „getrennte Risikotöpfe“: Unterschiedliche Risikopräferenzen können durch getrennte Anlageanteile abgebildet werden, statt sie zu mitteln.
  • Entscheidungshoheit klären: Klare Rollen und Verantwortlichkeiten im Vorfeld erleichtern die Beratung von Paaren erheblich.
  • Unsicherheiten offen ansprechen: Wenn Dynamiken unklar sind, sollte dies professionell thematisiert werden („Ich bin unsicher, wen ich gerade ansprechen soll“).
  • Gender-sensible Beratung braucht positive Kriterien: Es fehlen bislang klare, konstruktive Leitlinien und Messgrößen für gute gendersensible Beratung.
  • Haltung allein reicht nicht, es braucht konkrete Praxis: „Nicht diskriminierend sein“ ist zu wenig. Gefragt sind umsetzbare Ansätze im Beratungsalltag.

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