Zwischen Anspruch und Alltag in Organisationen – Ein Interview aus sozialanthropologischer Perspektive über Nachhaltigkeit und Wandel

Interview mit Deniz Seebacher

Zwischen Anspruch und Alltag in Organisationen – Ein Interview aus sozialanthropologischer Perspektive über Nachhaltigkeit und Wandel

mit Dr. Deniz Seebacher, Sozialanthropologin und Gründerin von Organauts

Dr. Deniz Seebacher ist Sozialanthropologin und Gründerin von Organauts. In ihrer Arbeit verbindet sie wirksame Veränderungsbegleitung in Organisationen mit sozialanthropologischem Verstehen. Auf der Frühjahrstagung spricht sie über „Zwischen Anspruch und Alltag“ – und darüber, wie Nachhaltigkeit in Organisationen als Wert ausgehandelt wird.

 

1. Du bist promovierte Sozialanthropologin. Was ist Sozialanthropologie eigentlich?

Sozialanthropologie beschäftigt sich damit, wie Menschen miteinander leben, arbeiten und Sinn herstellen – in Familien, Organisationen oder ganzen Gesellschaften.

Wir untersuchen, welche Werte, Regeln und impliziten Strukturen Verhalten prägen:
Wer gehört dazu? Wer entscheidet? Was gilt als normal?

Ich nenne sie gern die Wissenschaft vom gelebten Alltag. Wir schauen auf das, was Menschen sagen, und auf das, was tatsächlich passiert. Das Leben ist komplex und oft ein bisschen messy. Wir verlangsamen bewusst den Blick und fragen: Warum und wie ergibt das für die Menschen Sinn?

Kurz gesagt: Wir machen kulturelle und soziale Muster sichtbar. Und diese Muster prägen das Zusammenwirken in Organisationen oft stärker als Strategien oder Kennzahlen.

Als Organisationsanthropolog:Innen schauen wir uns Organisationen an und unterstützen so Führungskräfte und Mitarbeitende, dass sie besser gemeinsam wirksam arbeiten können.

 

2. Du hast in deiner Dissertation an der Uni Wien ungewöhnlich für ein anthropologisches Projekt, eine Firma untersucht. Was waren deine Beweggründe und die spannendsten Erkenntnisse daraus?

Mich hat in meiner Dissertation eine einfache Frage geleitet:

Was passiert konkret, wenn Organisationen soziale Verantwortung & Nachhaltigkeit in ihr Kerngeschäft integrieren?

Ich habe zwischen 2012 und 2016 ethnografisch in einem großen türkischen Bekleidungsunternehmen geforscht und die CSR (Corporate Social Responsibility) Nachhaltigkeitsabteilung in ihrem Arbeitsalltag begleitet.

Dabei wurde schnell sichtbar, dass CSR und Corporate Sustainability unterschiedlich funktionieren.

CSR war meist projektbezogenes Engagement – oft außerhalb des Kerngeschäfts. Corporate Sustainability rückte dagegen näher an die Steuerung heran – an Lieferkettenprüfungen, Risikobewertungen, Prozessmanagement oder Reporting.
Nachhaltigkeit wurde damit Teil der Managementlogik und veränderte konkrete Entscheidungen, zum Beispiel in der Bewertung von Reputations-, Lieferketten- oder regulatorischen Risiken.

Ein prägender Moment war 2015, als syrische Geflüchtete informell in Textilwerkstätten in Istanbul arbeiteten. Juristisch und politisch war die Situation eindeutig: Sie durften nicht arbeiten. Moralisch und wirtschaftlich war sie deutlich komplexer.

Es ging um existenzielle Einkommen, Nachbarschaftshilfe, Wettbewerbsfähigkeit – und gleichzeitig um Reputationsrisiken für internationale Unternehmen. Diese Spannungen spielten sich in stark fragmentierten Lieferketten ab, in denen Unternehmen über Audits und Kontrollen Legitimität herstellen mussten, ohne die tatsächlichen Arbeitsbedingungen vollständig kontrollieren zu können.

Hier wurde deutlich: Nachhaltigkeit steht nicht außerhalb von Marktlogiken – sie wird innerhalb dieser Logiken verhandelt.

Auch Investoren spielten eine Rolle. Während z.B. dänische Investoren Nachhaltigkeitsstrategien aktiv einforderten, war das für Investoren aus Dubai kaum relevant. Diese Erwartungen beeinflussten direkt die Priorität des Themas im Unternehmen – und damit den Handlungsspielraum der Nachhaltigkeitsabteilung.

Für mich wurde dadurch sehr deutlich:

Nachhaltigkeit ist nicht nur eine normative Frage. Sie ist eingebettet in Kapitalflüsse, politische Kontexte und Zukunftserwartungen.

Und genau dadurch verändert sie Organisationen und Führung:
Sie schafft neue Rollen, neue Verantwortlichkeiten, und neue Entscheidungslogiken.

 

3. Du hast nach deiner wissenschaftlichen Karriere eine Beratungsfirma gegründet. Mutig! Was hat dich dazu bewogen?

Ich habe mich schon lange an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis bewegt und über viele Jahre Organisationen in Veränderungsprozessen begleitet. Dabei habe ich immer wieder gesehen, welchen Unterschied eine sozialanthropologische Perspektive machen kann: Sie hilft sehr schnell zu erkennen, welche Dynamiken in einer Organisation wirklich entscheidend sind.

Mich hat in meinem gesamten Studien- und Berufsleben eine Frage angetrieben:
Wir verbringen so viel Zeit mit Erwerbsarbeit – das sollte doch ein Ort sein, an dem es uns gut geht und an dem Zusammenarbeit wirklich gelingt.

Es beeindruckt mich immer wieder, wie viel Engagement Menschen in ihre Arbeit legen – und wie viel möglich wird, wenn wir in Organisationen Räume schaffen, zu denen man gerne beiträgt und dazugehört.

Nach über 15 Jahren Praxis und Forschung war die Selbstständigkeit deshalb für mich ein logischer Schritt. Ich wollte die sozialanthropologische Perspektive stärker in ein Feld einbringen, das im deutschsprachigen Raum stark psychologisch geprägt ist.

Heute arbeite ich als Beraterin mit Organisationen. Mein Ansatz hilft ihnen, schnell zu erkennen, welche kulturellen Dynamiken Veränderung wirklich prägen – und genau dort anzusetzen.

 

4. In deiner täglichen Arbeit navigierst du Organisationen durch komplexe Veränderungsprozesse. Welche zusätzlichen Perspektiven bringst du durch deinen sozialanthropologischen Hintergrund mit ein und welche Vorteile bringt diese Sichtweise?

Wir analysieren, was zwischen den Zeilen wirkt. Strategien stehen auf Papier. Kultur zeigt sich in Routinen, Entscheidungswegen und Meetingdynamiken.

Wir arbeiten mit präziser Beobachtung und klaren Fragen:

  • Woran erkennt ihr, dass etwas hier gut funktioniert?
  • Wo entstehen Reibungen?
  • Welche unausgesprochenen Regeln steuern Entscheidungen?

Das schafft Klarheit über reale Wirkmechanismen.
Es erhöht Akzeptanz, weil Menschen sich wiederfinden.

Gerade im Finanzkontext bewegen sich Organisationen permanent zwischen Kurz- & Langfristigkeit, zwischen Rendite und Verantwortung. Mehrdeutigkeit ist keine Störung, sondern Realität. Wer sie führen kann, bleibt handlungsfähig.

Mit Organauts arbeiten wir dabei klar: menschlich, performance-orientiert und messbar.

Unser Ziel ist, dass Wandel nicht nur beschlossen, sondern umgesetzt wird.

 

5. Dein Vortrag trägt den Titel „Zwischen Anspruch und Alltag“. Wo erlebst du in Organisationen aktuell die größten Spannungen zwischen formulierten Nachhaltigkeitswerten und gelebter Praxis?

Spannungen entstehen oft dort, wo Organisationen Nachhaltigkeit klar formulieren – sie im Alltag aber noch nicht wirklich handlungsleitend ist. Oder einfacher gesagt: Es gibt eine Strategie am Papier, aber entschieden wird nach anderen Kriterien.

Ob Nachhaltigkeit wirklich trägt, zeigt sich deshalb nicht im Leitbild, sondern in konkreten Entscheidungen: bei Budgets, bei Risikoabwägungen, bei Investitionen – und in den vielen kleinen Entscheidungen im Alltag.

Ein wichtiger Punkt ist dabei auch die Vielfalt der Perspektiven. Nachhaltige Veränderung gelingt selten, wenn Entscheidungen nur von wenigen getroffen werden. Sie wird stärker, wenn unterschiedliche Perspektiven tatsächlich einbezogen werden – wenn also aus Betroffenen auch Beteiligte werden.

Jemand aus eurem Organisationsteam hat das einmal schön formuliert: Es geht nicht um blinde Flecken, sondern um bunte Flecken. Denn Nachhaltigkeit wird oft unterschiedlich verstanden – vom Management, von Investoren oder von den Menschen, die von Entscheidungen unmittelbar betroffen sind.

Genau darauf gehe ich in meinem Vortrag ein: Was können wir konkret tun, damit Werte wie Nachhaltigkeit und Vielfalt im Alltag lebendig werden und tatsächlich Wirkung entfalten.

 

Vielen Dank für das Interview und die spannenden Einblicke!

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